Ausbildung in Konfliktbearbeitung - lohnt sich!

Adam Alazawe und Susanne Fratzky-Werner sind ausgebildete Trainer:in für Konfliktbearbeitung, ihre Ausbildung haben sie im Qualifizierungsverbund (QVB) der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e. V. absolviert. Wir wollten von den beiden wissen, was sie bewegt hat, die Ausbildung zu machen und welche Vorteile sie in Beruf und Alltag bringt.

Mouhamed Adam Alazawe arbeitet seit fünf Jahren als Bildungsreferent beim Flüchtlingsrat Thüringen sowie freiberuflich als Trainer für Konfliktbearbeitung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Globales Lernen. Seine Ausbildung hat er im Rahmen des QVB beim Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit e. V. in Nürnberg gemacht.

Susanne Fratzky-Werner ist seit April 2026 als Projektleitung beim Friedenskreis Halle e. V. angestellt. Sie bietet ebenfalls freiberuflich Formate an, die Haltungs- und Reflexionsarbeit begleiten, in Konfliktmomenten sowie bei Organisationsentwicklung und Prozessbegleitung unterstützen. Sie absolvierte ihre Ausbildung im QVB bei der KURVE Wustrow e. V..

Wie seid ihr zum Thema Konfliktbearbeitung gekommen?

Susanne Fratzky-Werner: Das Thema begleitet mich schon sehr lange. Noch in der Oberstufe setzte ich mich mit den Konfliktgeschehen im ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda zu Beginn der 90er Jahre auseinander. Seitdem beschäftigte mich die Frage, wie Menschen nach solchen erschütternden Ereignissen als Gemeinschaft jemals wieder zueinander finden können. Das Interesse zeigte sich in meinem Geschichtsstudium, wo Themen zu Vergangenheitspolitik, Geschichtsbewusstsein, „Dealing with the past“ und kollektiven Identitäten Schwerpunkte bildeten und auch mein Masterstudium im Bereich Internationales Recht und Politikwissenschaft prägten. In verschiedenen beruflichen Rollen näherte ich mich dem Feld professionell. Aber die passende Qualifizierung bot sich mir erst ab 2024. Die Ausbildung bei der KURVE Wustrow rundet meinen bisherigen Weg ab, und eröffnete mir gleichzeitig neue berufliche Möglichkeiten.

Adam Alazawe: Als ausgebildeter Informatiker aus Syrien hatte ich zunächst wenig berufliche Berührungspunkte mit Konfliktbearbeitung. Daher war ich erst überrascht, als ich von der Ausbildung hörte. Doch die Neugier motivierte mich: Ich wollte diese Werkzeuge erlernen, um sie in meine Arbeit mit Geflüchteten zu integrieren. Da dieses Arbeitsfeld voller struktureller Konflikte ist, hat mir der Ansatz viele neue Türen geöffnet und mir gezeigt, wie man systematisch an Konflikte herangehen kann.

Worum ging es in eurer Konfliktausbildung? Was habt ihr gelernt?

Adam Alazawe:  Für mich war es sehr zentral, Bedürfnisse, Ängste und die damit verbundenen Verhaltensmuster von Menschen in Konflikten systematisch zu betrachten. Das war eine enorme Hilfe – sowohl privat als auch beruflich –, um Konflikte auf der persönlichen Ebene besser zu verstehen und vorzubeugen. Wenn ich lerne, meine eigenen Ängste wahrzunehmen, meine Bedürfnisse klar zu kommunizieren und andere nach ihren Bedürfnissen zu fragen, kann ich die verschiedenen Verhaltensmuster besser erkennen und durchbrechen. Genauso hilfreich fand ich es, Konflikte nicht nur individuell zu betrachten, sondern auch die zugrundeliegenden strukturellen Dynamiken zu analysieren, etwa wenn es um Ressourcenverteilung, Rollen oder Machtfragen geht. Besonders wertvoll war zudem die Auseinandersetzung mit Kultur und Werten. Mir wurde bewusst, wie stark familiäre Prägungen und vermittelte Werte mein Verhalten beeinflussen, und dass Kultur eine Frage der Sozialisation ist, nicht der Nationalität.

Susanne Fratzky-Werner: Wertvoll für mich war die Entwicklung meines eigenen, individuellen Beratungs- und Beraterinnenverständnisses – wie möchte ich beraten, welche Werte und Haltungen sind mir wichtig. Insbesondere der systemische Zugang war bereichernd. In diesem Zusammenhang konnte ich mir durch die Coachings und den Austausch mit der Ausbildungsgruppe einen bunten Methoden- und Werkzeugkoffer aneignen. Da die Ausbildung zudem einen modularen Charakter hat, konnte ich leicht eine sehr gute Auswahl von Themenbereichen festlegen, in denen ich mich noch weiterentwickeln und Zusatzqualifikationen aneignen wollte.

Es gab also viele Erkenntnisse in der Ausbildung, die von großem Wert sind. Welchen Mehrwert hat sie euch konkret beruflich gebracht?

Susanne Fratzky-Werner: Die fachliche Expertise und die intensive Reflexionsarbeit haben auf jeden Fall etwas in meiner beruflichen Selbsteinschätzung und damit auch in der Sicherheit meines Auftretens bewirkt. Ich fühle mich in meinen Kompetenzen viel sicherer. Gleichzeitig hat mir die Ausbildung überhaupt einmal die vielfältigen beruflichen Möglichkeiten, bestehenden Netzwerke und Tätigkeiten im Bereich Konfliktbearbeitung vor Augen geführt, in die ich beruflich eintauchen kann.

Adam Alazawe: Der erste konkrete Gewinn war die aktive Beteiligung an der Organisationsentwicklung des Flüchtlingsrats Thüringen e. V.. Mit dem erworbenen Wissen konnten wir unsere gemeinsamen Werte und ein Leitbild entwickeln. Seit 2026 ist Konfliktbearbeitung nach dem in der Ausbildung erlernten ATCC-Ansatz fester Bestandteil meiner hauptberuflichen Bildungsarbeit.

Habt ihr ein Beispiel, wie das Erlernte angewendet werden konnte?

Adam Alazawe: Der ATCC-Ansatz hat die Zusammenarbeit mit Geflüchteten und Multiplikator:innen deutlich erleichtert. Wir können schneller identifizieren, wie Konflikte entstehen und wissen, wie wir sie gezielt bearbeiten können. Besonders hilfreich ist dabei die Differenzierung zwischen persönlichen, kulturellen und strukturellen Konflikten.

Susanne Fratzky-Werner: Am wertvollsten für meine tägliche Arbeit empfinde ich das eigene Verständnis von Beratung, das ich mir erarbeiten durfte. Durch den Kurs „Do no harm – Training of Trainers“ habe ich mir außerdem das nötige Wissen angeeignet, um Projekte konfliktsensibel zu leiten und dieses Wissen weiterzugeben. Mit beiden Erkenntnissen fühle ich mich sehr gut ausgestattet für meine aktuelle Rolle als Projektleitung, wo ich insbesondere Vereine im ländlichen Sachsen-Anhalt dabei begleite, Lösungen für ihre Herausforderungen und Konflikte zu finden.

Warum würdet ihr die Ausbildung auch anderen empfehlen?

Susanne Fratzky-Werner: Einerseits wegen des Praxisanteils, den es in Eigenregie zu organisieren galt und damit auch wichtiger Schritt und Erfahren für mich war, was ich eigentlich unter Konfliktberatung verstehe und wo ich mich verorte. Dann wegen der Austauschmöglichkeiten mit anderen Teilnehmenden aus den Trainingsmodulen – Fachkräfte der unterschiedlichsten Bereiche und Kontexte, was neue Einblicke und Vernetzung ermöglichte. Und natürlich die persönlich-emotionale Erfahrung, die ich auch anderen Teilnehmenden wünsche. Für mich war und ist die KURVE Wustrow ein ganz besonderer Ort der Begegnung, des Miteinanders, aber auch der inneren Einkehr. Ich habe unter besonderen Bedingungen meine Ausbildung absolviert – mit sechsmonatigem Baby und Partner, die beide jedes Mal mit angereist sind – für Coachings, Trainings und Intervisionen. Mit all den Herausforderungen, die das mit sich bringt, habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt und verbinde wunderschöne Momente mit dieser Zeit.

Adam Alazawe: Ich empfehle die Ausbildung, weil sie verschiedene Ansätze verbindet: Gestalttherapie, Transaktionsanalyse, aktuelle Erkenntnisse aus der Genetik und Neurologie sowie Konzepte der gewaltfreien Friedensarbeit. DasWichtigste ist der Zugang zu den Emotionen und deren Rolle bei der Bearbeitung von Konflikten. Die Mischung öffnet viele Perspektiven. Sie hilft, Themen ganzheitlich zu verstehen und die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Sie ermöglicht es, sich mit privaten und gesellschaftlichen Themen konstruktiv auseinanderzusetzen. Dieses Wissen ist unabhängig von unserer beruflichen Rolle, unseren Werten oder den spezifischen Konflikten, in denen wir stehen, äußerst wertvoll. Die Ausbildung hat mir geholfen, meine Rolle zu finden, meine Werte zu vertreten und meine Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen aktiv zu gestalten.

Danke euch beiden für das interessante Gespräch.

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Der nächste Jahrgang der Ausbildung Gewaltfreie Konflikttransformation startet ab Januar 2027. Bewerbungen sind bis zum 31. Oktober möglich. 

Alle Informationen zur Ausbildung und Bewerbung gibt's hier: https://friedensdienst.de/qualifizierungsverbund/termine/ausbildung-zur-beraterin-fuer-gewaltfreie-konflikttransformation-und

Der Qualifizierungsverbund Gewaltfreie Wege im Konflikt ist ein Zusammenschluss von Friedensbildungseinrichtungen in der Arbeitsgemeinschaft Dienst für den Frieden. Die Mitgliedsorganisationen des QVB qualifizieren durch Fort- und Ausbildungen für zivile, gewaltfreie Konfliktbearbeitung und die Arbeit in Friedensdiensten. Zur Sicherung der Qualität der Arbeit hat der QVB für die von seinen Mitgliedern angebotenen Fort- und Ausbildungen gemeinsame Standards entwickelt. Die Mitglieder des QVBs haben sich verpflichtet, diese Standards einzuhalten. Die Kurse und Curricula werden regelmäßig ausgewertet und weiterentwickelt.

Weitere Infos zu den Ausbildungen im Qualifizierungsverbund der AGDF e.V. finden sich hier: https://friedensdienst.de/qualifizierungsverbund