Die Macht der Metapher
Simon Kolb von Konfliktpotential sprach mit Bárbara Santos vom KURINGA-Theater über das Potential von Theater in der Bearbeitung von strukturellen Konflikten. Es senkt den Stresslevel der Beteiligten und macht Dialog möglich – auch über heikle Themen.
Bárbara Santos ist eine brasilianische Dramatikerin, Theaterregisseurin, Autorin, Schauspielerin und Aktivistin. Sie ist künstlerische Leiterin des KURINGA-Theaters in Berlin. In Rio de Janeiro koordinierte Bárbara 20 Jahre lang das Centro de Teatro do Oprimido und hat mit Augusto Boal, der das „Theater der Unterdrückten“ konzipierte, zusammengearbeitet.
Bárbara, wie bist Du zur Arbeit mit dem „Theater der Unterdrückten“ gekommen?
Bevor ich zum Theater kam, habe ich in Brasilien als Soziologin und Lehrerin gearbeitet und war involviert in die Gewerkschaftsarbeit und die Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores. An den Schulen war ich verantwortlich für Demokratisierungsprozesse. Unser Anliegen war es, die Machtverhältnisse dort so zu verändern, dass die Schuldirektionen nicht mehr von oben eingesetzt, sondern stattdessen von den Menschen in den jeweiligen Schulen selbst gewählt werden. In den Diskussionen kamen wir nicht weiter, weil bestehende Machtstrukturen einen Dialog auf Augenhöhe unmöglich machten. Uns war klar: Um eine strukturelle Veränderung in den Schulen hin zu mehr Gleichberechtigung zu bewirken, mussten wir erst einmal diesen gleichberechtigten Austausch zwischen allen Beteiligten ermöglichen. In dieser Krise hatte ein Kollege die unkonventionelle Idee, mithilfe von Augusto Boal ein Theaterstück über den Konflikt zu machen, und so in eine gleichberechtigte Diskussion zu kommen. Es war verblüffend. Alle wurden zu Zuschauer:innen, egal ob Direktor:in, Eltern, Lehrer:innen oder Schüler:innen. Im Anschluss an die Vorstellung des Theaterstücks begannen sie, sich gemeinsam darüber auszutauschen und zu überlegen, wie sie mit den dargestellten Herausforderungen umgehen konnten. Es gab plötzlich ein Miteinander, wo zuvor noch ein Gegeneinander herrschte: ein gemeinsamer Diskussions- und Arbeitsprozess. Wir sprechen immer davon, dass wir Hierarchien in Diskussionen abbauen wollen. Das ist aber unheimlich schwer. Es sei denn, wir verändern die ganze Grundstruktur der Diskussion, so wie wir es im „Theater der Unterdrückten“ tun.
Das ist faszinierend: Im gemeinsamen Betrachten und Diskutieren schlüpfen wir aus unseren eigentlichen Rollen als Konfliktparteien und verwandeln uns in Beobachtende. Das senkt das Stresslevel enorm und ermöglicht einen ganz anderen Dialog auch über heikle Themen.
Ja, wir schaffen mit der ästhetischen Darstellung etwas, das außerhalb von uns ist. Wir treten damit aus der Unmittelbarkeit des Erlebten und unseren Verstrickungen heraus und werden zu Zuschauer:innen, die mit dem nötigen Abstand gemeinsam die Darstellung der Realität analysieren können. In diesem Modus können wir viel mehr sehen und die unterschiedlichen Perspektiven, die wir auf das Gemeinsame haben, sind weit weniger bedrohlich. Sie können sogar zur Bereicherung werden.
Die Arbeit mit metaphorischen Mitteln, beispielsweise mit Aufstellungen, Bildern und Körperstatuen finde ich sehr hilfreich, um die verschiedenen Ebenen des Konflikts gleichberechtigt darstellen zu können. Welche Erfahrungen mit ästhetischen Methoden in der Konfliktbearbeitung hast du bisher gemacht?
Die Methoden aus dem „Theater der Unterdrückten“ haben sich für uns bei vielen verschiedenen Problemen als nützlich erwiesen, sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene als auch in unseren eigenen Organisationen und Kollektiven. Im Centro de Teatro do Oprimido – CTO-Rio hatten wir nach Augusto Boals Tod herausfordernde Konflikte. Wir hatten die Notwendigkeit, aber auch den Wunsch, an den Konflikten zu arbeiten und uns zu konfrontieren, um uns weiterzuentwickeln. Wir arbeiteten zum Beispiel mit Techniken aus dem „Regenbogen der Wünsche« (Anm. d. R: Technik des „Theater der Unterdrückten“, die dabei hilft, internalisierte Unterdrückungsstrukturen sichtbar und bearbeitbar zu machen), aber auch mit Techniken, die sich bei der Bearbeitung von Machtstrukturen und Rollen in unserer Organisation als nützlich erwiesen.
Ich erinnere mich beispielsweise an eine Übung namens „Mein Platz im Bild“. Dafür stellten wir mit Tischen und Stühlen symbolisch die realen Strukturen unserer Organisation nach – eine Metapher – und begaben uns dann mit unseren Körpern hinein. Anschließend gab es drei Fragen: Wo ist mein aktueller Platz? Wo wäre der beste Platz für mich? Wo wäre der schlechteste Platz für mich? Jede:r Einzelne versuchte zu allen drei Fragen den passenden Platz in der metaphorischen Organisation einzunehmen. So konnte ein physischer Diskussionsprozess entstehen, den wir anschließend analysieren konnten. Was ist darin aufgetaucht? Was hast du gesehen? Dadurch verstanden wir sehr konkret etwas über uns selbst und unsere Konflikte, was sonst schwer über Worte zugänglich gewesen wäre. Dieser Übung folgten noch viele weitere. Die Erkenntnisse aus ihnen konnten wir anschließend in konkrete strukturelle Veränderungsprozesse im Centro de Teatro do Oprimido übertragen.
Es bringt nichts zu sagen, was schlecht läuft, wenn die Menschen es nicht verstehen. Es muss ein gemeinsamer Entdeckungsprozess sein, in welchem wir ein gemeinsames Verständnis entwickeln. Dahingehend ist die Suche nach dem meeting point zentral – das, was uns verbindet. Wir müssen uns in zwei Dingen einigen: Erstens brauchen wir eine gemeinsame Idee davon, um was es geht, wie wir die Realität verstehen. Und zweitens: Bewusstheit darüber, was wir zusammen verändern möchten – und dass es auch möglich ist, diese Ziele zu erreichen.
Kannst du uns noch mehr darüber erzählen, wie ihr beim „Theater der Unterdrückten“ mit Objekten als Symbole arbeitet?
Objekte geben uns die Möglichkeit, ein neues oder erweitertes Verständnis von der Realität zu gewinnen. Beispielsweise können wir Personen bitten, sich mit der Frage vorzustellen, was sie ausmacht, und dafür Objekte mitzubringen, die sie der Gruppe präsentieren. Das ist eine andere Form für eine Person, etwas über sich zu erzählen. Allerdings geben Menschen in einer solchen ästhetischen Arbeit oft sehr viel mehr über sich preis, als intendiert war oder ihnen bewusst ist. Hinter Worten kann vieles verborgen und unverständlich bleiben, was in einem ästhetischen Prozess für die anderen Menschen sichtbar werden kann.
Das ist auch eine Chance, weil ich noch einmal ganz anders von den Menschen um mich herum erkannt werden kann. Das Heikle ist allerdings, dass die Menschen meist selbst denken, dass sie die Kontrolle darüber haben, was sie von sich zeigen. Ich kann über meine Beziehung zu einer anderen Person sprechen und alles Mögliche, sozial Erwünschte erzählen. Wenn ich diese Beziehung aber körperlich ausdrücke, wird vieles sichtbar, was ich sonst eigentlich zu verbergen versuche.
Mehr Infos über Bárbara Santos findet ihr unter www.kuringa.de und auf Instagram @kuringa_berlin
Das Interview führte Simon Kolb, Trainer, Prozessbegleiter und Berater bei Konfliktpotential.
Das Interview haben wir mit freundlicher Genehmigung von Konfliktpotential aus dem Magazin „Konfliktlinien“ entnommen und gekürzt. Die lange Version findet ihr hier: Konfliktlinien-Magazin_Lasst-uns-streiten.pdf
Foto: Bárbara Santos