„Konflikte zugeben wird oft als Schwäche gesehen“

Carsten Quednow ist Mediator und berät Kommunalverwaltungen im Umgang mit Konflikten. Quednow weiß, wovon er spricht, er selbst war 24 Jahre Bürgermeister in einer Gemeinde im Schwarzwald.

Carsten, wie bist Du vom Bürgermeister zum Mediator geworden?

Ich habe 2017 als Bürgermeister an einem Mediationskurs teilgenommen. Normalerweise ist der Terminkalender immer sehr voll und es bleibt kaum Zeit für Fortbildungen. Bei einem Termin für Führungskräfte wurde das Thema Mediation erläutert, was meine Sicht auf Vieles nachhaltig verändert hat. Es war für mich wie eine Offenbarung.

Kannst Du das genauer beschreiben?

Ich wurde bei den Schulungen zur Mediation ermutigt, die politischen Ellenbogen einzufahren. In der Mediation geht es viel um Wertschätzung und Empathie und das Anerkennen von Konflikten. Man wird angehalten, den eigenen Fokus zu verlagern und sich die Perspektive des anderen anzusehen. In der Politik ist so etwas ungewöhnlich. Konflikte zugeben wird in unserer Gesellschaft und vor allem in politischen Ämtern eher als Schwäche gesehen. 

Wo genau liegt denn die Hemmschwelle?

Es geht in der Politik ja auch viel darum, sich keine Blöße zu geben und stark zu sein. Ich habe in der Weiterbildung gelernt, meinem Gegenüber in die Augen zu sehen und zu erkennen, was ich tun kann, damit es dem anderen besser geht. Damit gelangen wir auf eine ganz andere Ebene der Kommunikation. Und es hat mich persönlich gestärkt, um mein Amt noch neutraler und ruhiger auszuüben. Allerdings muss man aufpassen, gegenüber den politischen „Gegnern“ stets Stärke zu bewahren. 

Wie kommt so etwas in der Politik an?

In der Politik wird selten Rücksicht genommen. Aber der Umgang miteinander und mit politischen Differenzen sollte sich grundlegend verändern. Nur so können die unterschiedlichen Meinungen, Einstellungen und Gruppierungen in der Gesellschaft respektvoll und offen aufeinander zugehen. Das kann ich aus meiner Erfahrung bezeugen. 

Du bist 2023 als Bürgermeister in den „Ruhestand“ gegangen und seither ganz Mediator geworden. Was machst Du heute?

Ich habe das eine mit dem anderen verbunden. Die Erfahrungen der Amtsjahre mit Menschen, Familien, Organisationen und Behörden helfen mir in allen Bereichen unserer Gesellschaft zu mediieren. Im Bundesverband Mediation bin ich in den beiden Fachgruppen „Elder Mediation“ und „Sport“ tätig, so kann ich Familien und Vereine fundiert begleiten. Ich arbeite zum Beispiel viel für den Städte- und Gemeindetag und für Justizvollzugsanstalten. Des Weiteren gebe ich Mediationsseminare für Mitarbeitende in Kommunalverwaltungen, denen es immer noch schwerfällt, Hilfe von außen anzunehmen. Oft geht es dabei um Spannungen im Personalbereich, den unterschiedlichen Ämtern untereinander und zwischen Führungskräften. Ich mache auch Workshops für Gemeinderäte, in denen es darum geht, Spannungen in der Kommune durch Mediation zu begleiten. Ich coache Bürgermeister:innen, ihre Aufgaben zu meistern und bereite sie auf öffentliche Schlagabtausche vor. 

Was ist dein Rat für Personen in politischen Ämtern, die derart unter Druck stehen?

Kurz zusammengefasst: „Nicht den Anspruch zu haben, alle Themen allein lösen zu müssen“ und „Sich frühzeitig Unterstützung zu holen und sie anzunehmen, kann eine große Stärke sein“. Oftmals reichen schon ein kleines Impulsreferat oder Gespräch, es muss nicht immer gleich eine große Mediation sein. Durch eine Veränderung von Blickwinkeln können Teams beziehungsweise handelnde Personen nachhaltig gestärkt werden. Das kostet lediglich etwas Mut und Zeit für den Einstieg und Start, der sich in jedem Fall lohnt. 

Ich bin mir sicher: Wenn Personen in politischen Ämtern diesen Rat annehmen, haben wir gemeinsam die Chance, gesellschaftliche Gräben zu überwinden. Dazu braucht es Empathie, Wertschätzung und Respekt – viel mehr als eine „Brandmauer“.

Danke für das Gespräch, Carsten Quednow.

Das Interview führte: Martina Rieken                         Foto: privat