Rote Karte für Sexismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit im Fußball

Die Bielefelder Euro-Fanstudie zeigt: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit sind im Fußball besonders stark verbreitet - mit Auswirkungen auf Betroffene und das Zusammenleben in der Gesellschaft. 

Die Studie wurde von der ConflictA (Konfliktakademie der Universität Bielefeld) unter der Leitung von Prof. Andreas Zick (Uni Bielefeld) und Prof. Hannes Delto (Fachhochschule für Sport und Management Potsdam) durchgeführt. Die Forschenden geben konkrete Empfehlungen, wie sich die Entwicklungen eindämmen lassen.

Beispiele für Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Sexismus im Fußball gibt es leider viele: Bereits zur WM-Qualifikation in 2025 wurden Antonio Rüdiger, Jonathan Tah und Nnamdi Collins nach der 0:2 Niederlage gegen die Slowakei in Social-Media-Kanälen mit rassistischen Hasskommentaren angefeindet. Fußballspieler wie Benjamin Henrichs (RB Leipzig) oder Nationalspieler Youssoufa Moukoko wurden in der Vergangenheit in Verbindung mit ihrer Leistung rassistisch beleidigt. „Wenn wir gewinnen, sind wir alle Deutsche, und wenn wir verlieren, kommen diese Affen-Kommentare“, beschrieb Moukoko die Abwärtsspirale aus Leistungsdruck, rassistischer Abwertung und Hass. Auf die Ernennung von Marie-Louise Eta von Union Berlin zur Cheftrainerin im April 2026 folgten sexistische Kommentare, Hass und Hetze in Social Media, auf den Bolzplätzen und an den Stammtischen.

Rassistische und sexistische Anfeindungen haben Auswirkungen auf Betroffene und die Gesellschaft

Rassistische und sexistische Anfeindungen in den Stadien treffen Spieler:innen, Schiedsrichter:innen, Ordnungspersonal und Fans oft hart und haben psychische und physische Auswirkungen. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und weitere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hemmen zudem nachweislich die gesellschaftliche Teilhabe. Die Vorfälle und auch das Schweigen darüber schwächen demokratische Werte und Normen, die die Grundlage für ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben bilden.

Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung im Fußball sind ein vielschichtiges, systemisches Problem, das nicht auf Einzelfälle reduziert werden kann. Trotz öffentlicher Bekenntnisse der Verbände zu Vielfalt und gegen Rassismus und Sexismus gibt es eine Diskrepanz zwischen der Statistik des DFB über Diskriminierung und den Zahlen unabhängiger Meldestellen, die deutlich höhere Zahlen ausweisen (u.a. DFB, 2025; MeDiF,2024). Dunkelfeldstudien oder systematische Auswertungen von Hasstaten und Übergriffen fehlen bislang.

Rassismus, Sexismus, Menschenfeindlichkeit – unangenehme Themen für eine Fußballwelt, die unterhaltsam und unpolitisch sein möchte

Verbänden im Fußball fällt es oft schwer, sich nach konkreten Vorfällen solidarisch hinter die Betroffenen zu stellen. Werden Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit im Fußball jedoch bagatellisiert oder vertuscht, kann sich das auf Konfliktdynamiken auswirken, etwa auf die Selbstregulierungskräfte in den Stadien. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Fußball immer wieder als unpolitische Arena beschrieben wird.

Mehr als die Hälfte der befragten Fans (54,8 % der Männer; 57,3 % der Frauen) meinen, Fußball sollte unpolitisch sein und sich aus Fragen zur Gesellschaft raushalten und nur knapp ein Drittel der männlichen bzw. ein Viertel der weiblichen Fans findet es gut, wenn Fußballspieler sich politisch äußern. Das macht es umso schwerer, gegen Rassismus, Sexismus, Menschenfeindlichkeit im Fußball vorzugehen. Vereine und Verbände wiederum können sich leichter heraushalten, wenn Fans toleranter gegenüber Verstößen gegen die Regeln des Sports und des demokratischen Zusammenlebens sind.

Sexismus und Rassismus als Teil einer „Fußball-Unterhaltung“

Ausgewählte Ergebnisse der Bielefelder Euro-Fanstudie zeigen, dass mehr als ein Fünftel (22,9 %) der befragten Männer und rund 12 Prozent der Frauen gar die Aussage teilen: „Fußballfans wollen Spaß haben, wenn da mal ein rassistischer oder sexistischer Spruch fällt, gehört das irgendwie dazu.“ Die Zustimmungen normalisieren Abwertung und Diskriminierung und zugleich legitimieren sie entsprechende Äußerungen als eine Form von „Unterhaltung“. Dabei zeigen die Analysen, dass die Zustimmung zu dieser Aussage nicht bloß zufällig mit der Zustimmung zu anderen abwertenden Aussagen zusammenhängt. Diejenigen, die ein hohes Maß an Normalisierung der Abwertung und Legitimierung als „Unterhaltung“ angeben, sind auch gegenüber der Berichterstattung über Rassismus eher skeptisch eingestellt. Und es besteht ein weiterer starker Zusammenhang: Je stärker Sexismus und Rassismus als „Unterhaltung“ legitimiert werden, desto eher befürworten dieselben befragten Fans, dass Fußball Männersache sei.

Die Ausschnitte aus der Bielefelder Euro-Fanstudie weisen auf systematische Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Fans hin, wenn es um Sexismus und Rassismus im Fußball geht. Männliche Fans legitimieren Sexismus und Rassismus stärker als „Unterhaltung“ als weibliche Fans. Männliche Fans stimmen auch weitaus stärker der Aussage zu, dass Fußball Männersache sei und misstrauen eher der Berichterstattung über Rassismus.

Zivilcouragiertes Engagement und Verbände stärken, Diskriminierung im Fußball schwächen

Die Forschung zeigt: Wer menschenfeindliche Übergriffe herunterspielt, wird mit geringerer Wahrscheinlichkeit selber etwas dagegen unternehmen oder ein zivilcouragiertes Eingreifen fordern (Zick & Küpper, 2009). Daher gilt es, das zivilcouragierte Engagement von Fans in den Kurven zu stärken und die Bereitschaft der Verbände, ihr eigenes System kritisch zu reflektieren, gezielt zu fördern. Dies sind relevante Faktoren für die praktische Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit im Fußball.

Die Forschenden sprechen konkrete Empfehlungen aus:

  • Verbände müssen ihre Maßnahmen konsequenter umsetzen und Fanprojekte (unabhängige, sozialpädagogische Einrichtungen der Jugendhilfe, die aufsuchende und begleitende Jugendsozialarbeit für Fußballfans leisten) deutlich stärker unterstützen als bisher.
  • Es braucht mehr Beratung und Unterstützung für die Betroffenen. Diese sollten ihre Erfahrungen in die Forschung und in Projekte einbringen können.
  • Dialogformate in allen Stadien und auf den Fußballplätzen sollten eingerichtet werden, bei denen das Thema Rassismus und Sexismus angesprochen wird.
  • Es sollte eine systematische Hell- und Dunkelfeldstudie zu den Erscheinungsformen, dem Ausmaß, den Ursachen und Folgen von Rassismus und Sexismus im Stadion durchgeführt und von Projekten begleitet werden. Eine systematische Erfassung und Sichtbarmachung von Gewalt, Hasskriminalität und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist unabdingbar, um evidenzbasierte Schutzmaßnahmen zu etablieren und den Schutz der Betroffenen auszubauen.

Die Basis für die Ergebnisse ist eine Online-Befragung von 635 Personen. Die Erhebung fand zwischen dem 10. und 16. Juli 2024 statt – während der Fußball-Europameisterschaft der Männer (Euro2024). Die Bielefelder Euro-Fanstudie BIEF wurde durchgeführt von der ConflictA (Konfliktakademie der Universität Bielefeld), die das „uzbonn – Gesellschaft für empirische Sozialforschung und Evaluation“ mit der Datenerhebung beauftragt hat.

Quellen und detaillierte Informationen: Delto, Hannes, Zick, Andreas. 2026. Menschenfeindlichkeit mit

Unterhaltungswert? Rassismus, Sexismus und Fankultur in der Bielefelder Euro-Fanstudie. ConflictA-Spotlights. Bielefeld: Universität Bielefeld, ConflictA.

Text: ConflictA Spotlights; Martina Rieken

Bild: Steindy / Creative Commons (Es wurde ein Ausschnitt des Bildes verwendet.)