So geht Konfliktbearbeitung in …. Colditz
Wo brennt´s, was hilft, wie wirkt´s? Der Steckbrief „So geht Konfliktbearbeitung in ... Colditz“ schildert, wie die sächsische Stadt in Kooperation mit dem Kulturbüro Sachsen e. V. ihre Erlebnisse mit Rechtsextremismus aufarbeitet.
Wo brennt´s?
In der Kleinstadt Colditz gehörte eine aktive rechtsextreme Szene seit den 2000er Jahren zum Alltag. Menschen wurden eingeschüchtert, bedroht und angegriffen. Kaum jemand thematisierte dies in der Öffentlichkeit und kaum jemand fühlte sich verantwortlich. Dann sorgte eine Drogenrazzia bei Akteur:innen aus der rechten Szene für negative bundesweite Aufmerksamkeit. Ein Weckruf – plötzlich tauchten Fragen auf: Wie konnte sich der Rechtsextremismus in unserer Stadt über Jahre so festsetzen? Warum haben wir uns nie ernsthaft damit auseinandergesetzt? Die fehlende Aufarbeitung glich einer offenen Wunde in der Stadtgesellschaft. Der Bürgermeister wandte sich an die Mobile Beratung des Kulturbüro Sachsen e. V.. Er wollte wissen, wie ein sinnvoller Umgang mit der rechtsextremen Vergangenheit gelingt – und was es braucht, damit sich wirklich etwas ändert.
Was hilft?
Die Mobile Beratung und der Bürgermeister analysierten gemeinsam die Lage und erste Ideen. Es wurde ein langfristiger Reflexionsprozess initiiert, um die rechtsextremen Aktivitäten und Bedrohungssituationen in der Vergangenheit der Stadt aufzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren moderierte das Beratungsteam öffentliche Gespräche, stellte den Kontakt zu zivilgesellschaftlich Engagierten und zu Betroffenen rechter Gewalt her – und blieb ansprechbar, wenn Diskussionen unangenehm wurden. Das Thema Rechtsextremismus wurde bei Veranstaltungen adressiert und Versäumnisse klar benannt. Die Polizei unterstützte den Prozess von Beginn an intensiv. Das führte dazu, dass politisch Verantwortliche und große Teile der Bevölkerung das Thema nicht länger verdrängten. Sie trauten sich, zu sprechen und zu widersprechen, eigene Fehler einzuräumen und sahen sich selbst in der Verantwortung.
Wie wirkt´s?
Heute wissen Politik, Verwaltung und Sicherheitsbehörden in Colditz, was bei rechtsextremer Gewalt zu tun ist. Der Beratungsprozess brachte Orientierung und konkrete Handlungsoptionen. Politisch Verantwortliche arbeiten enger mit der Polizei zusammen, zeigen Vorfälle öfter an, Meldemöglichkeiten bei rechtsextremer Gewalt wurden vereinfacht, Angriffe werden aufgearbeitet. Die Betroffenen und ihre Perspektiven haben einen neuen Stellenwert erhalten. Das alles hilft dem demokratischen Miteinander in der Stadt und ihrem bundesweiten Ruf.
„Wir wollen zeigen, wofür wir als Stadt Colditz stehen und was es hier gibt, z. B. den Kulturmarkt oder die Jugend- und Bürgerbeteiligung. Dass wir über die Probleme reden, dürfen wir nicht als etwas Schlechtes verstehen“, sagt der Bürgermeister. „Man wird das Image nur los, wenn man sich dem Ganzen stellt.“
Text: Martina Rieken Bild: Kulturbüro Sachsen e. V.