Stadt Hagen – Konflikte im Blick
Die Stadt Hagen baut ein innovatives, verwaltungsinternes Konfliktmanagement auf. Dabei geht es nicht nur darum, Konflikte in der Verwaltung zu bearbeiten. Im Mittelpunkt steht ein konfliktsensibler Blick auf das eigene Verwaltungshandeln.
Konflikte sollen frühzeitig erkannt, in ihren Dynamiken verstanden und vorausschauend behandelt werden – insbesondere dort, wo sie durch kommunales Handeln entstehen oder beeinflusst werden.
Die Initiative dazu entstand im Oktober 2022 in einem Projekt des Ministeriums für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration (MKJFGFI). Unter dem Titel „Kommunales Konfliktmanagement fördern – Kommunen für Integration stärken“ kamen Vertreter:innen unterschiedlicher Kommunen zusammen, um die Themen Integration und Zuwanderung in den Blick zu nehmen. Ziel sollte es sein, die Zusammenarbeit in den Kommunen zu diesen Schwerpunkten zu stärken.
Für die teilnehmenden Mitarbeiterinnen der Stadt Hagen, Büşra Öztürk (Fachbereich Integration, Zuwanderung und Wohnraumsicherung, stellvertretende Sachgruppenleitung Kommunales Integrationsmanagement) und Gloria Stube (Fachbereich des Oberbürgermeisters, Referentin für Bürgerkommunikation), wurde schnell klar, dass es auch unabhängig von dieser Thematik Konflikte rund um die Kommune gibt. „Wir wollten das gesamte Verwaltungshandeln betrachten, nicht nur das zur Integration“, sagt Büşra Öztürk, die gemeinsam mit Gloria Stube die Projektleitung im Bereich Kommunales Konfliktmanagement bei der Stadt Hagen innehat. Öztürk und Stube entwickelten einen entsprechenden Verfahrensvorschlag, der von der Stadtverwaltung Hagen auch genehmigt wurde.
Wie steht es um Hagen?
Zunächst wurden rund 40 Vertreter:innen aus Verwaltung und Stadtgesellschaft interviewt, um zu schauen, wo in der Stadt Konflikte auftreten. Die Analyse brachte unterschiedliche Spannungs- und Konfliktfelder hervor. Besonders häufig nannten die Befragten das Thema Jugend, Bildung und Soziales als Zündstoff in der Stadtgesellschaft. Auf dieser Basis wurde unter Einbindung der Leitungsebenen eine städtische Steuerungsgruppe eingerichtet sowie ein verwaltungsübergreifender Arbeitskreis Konfliktmanagement gegründet, dem auch Vertreter:innen aus Sozialarbeit, Schulen und Ordnungsamt angehören. Ziel ist es, Erfahrungen zu bündeln, Perspektiven zusammenzuführen und Verwaltungshandeln kontinuierlich konfliktsensibel weiterzuentwickeln.
Arbeitskreis Konfliktmanagement zahlt sich aus
Seit Mitte 2024 wird der Arbeitskreis im Rahmen eines Projekts durch das Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung (K3B) aus Salzwedel begleitet. Die Verbindung aus externer Beratung und internem Erfahrungswissen hat sich dabei als besonders wertvoll erwiesen. „Wir konzentrierten uns auf interne Konfliktfälle in der Stadtverwaltung, die Wirkungen nach außen haben,“ berichtet Gloria Stube. Ein Beispiel war der Umbau einer Straße, bevor es den Arbeitskreis gab. Die Verwaltung startete das Bauvorhaben plan- und ordnungsgemäß. Niemand hatte jedoch daran gedacht, betroffene Bürger:innen darüber zu informieren, dass ihre im Baugebiet liegenden Garagen für einen bestimmten Zeitraum nicht befahrbar sein würden. Das führte zu Unmut und Beschwerden. „Mit einem präventiven, konfliktsensiblen Blick auf das Bauvorhaben hätten wir diesen Konflikt entschärfen können“, ist Gloria Stube überzeugt. „Es ist wichtig, im Vorfeld zu klären, welche Konflikte durch städtisches Handeln entstehen können und wie wir vorausschauend agieren. In diesem Fall hätten beispielsweise frühzeitige Informationsschreiben oder alternative Parkplätze helfen können. Die pragmatische Bereitstellung ebensolcher alternativer Parkplätze hat dann zu einer schnellen Lösung geführt. “
Der Arbeitskreis soll perspektivisch aktiv von Verwaltungsmitarbeitenden genutzt werden – insbesondere bei Vorhaben mit potenziellem Konfliktpotenzial, etwa in der Stadtplanung oder bei Veranstaltungen im öffentlichen Raum.
Vertrauen zwischen Stadtverwaltung und Bürger:innen wächst
Es braucht Zeit und politischen Willen, die städtischen Aktivitäten konfliktsensibel auszurichten. „Der Prozess erfordert einen langen Atem und ein hohes Maß an Selbstreflexion“, resümiert Büşra Öztürk. „Aber am Ende werden die Konflikte weniger und das Vertrauen zwischen Stadtverwaltung und Bürger:innen nimmt zu. Das zahlt sich aus.“
Die Beratung durch das K3B hat der Kommune Sicherheit gegeben und neue Perspektiven eröffnet. „Durch den Blick über den eigenen Tellerrand sind ganz neue Ideen entstanden, auch jenseits der eigenen Bereichsgrenzen“, erzählt Büşra Öztürk. „Es ist jedoch wichtig, sich aufeinander einzulassen, Dinge auszuprobieren und Ideen auch wieder zu verwerfen. Für uns als Kommune hat sich der Prozess auf alle Fälle gelohnt, und wir sind inzwischen gut aufgestellt, um den Weg alleine weiterzugehen.“
Der Beratungsprozess durch das K3B wurde im Rahmen vom Projekt „Vielfalt und Integration gemeinsam gestalten – Strategien für Kommunen im Wandel“ umgesetzt. Dieser wird kofinanziert durch den Asyl- Migrations- und Integrationsfonds der EU (AMIF), durch Mittel des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge BAMF, durch das Förderprogramm Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz des Landes Sachsen, durch das Landesprogramm für Demokratie, Vielfalt und Weltoffenheit des Landes Sachsen-Anhalt, das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Frauen und Integration NRW (MKJFGFI), das „Bündnis für Brandenburg“ des Landes Brandenburg sowie durch den Landespräventionsrat Thüringen.
Autorin: Martina Rieken Bild: Hans Blossey, 2022