Frau mit VR-Brille vor einem Bildschirm
Frau mit VR-Brille vor einem Bildschirm

Streiten lernen in der Virtual Reality

Der Verein CRISP aus Berlin entwickelt mit dem Konfliktsimulator eine innovative Form der Weiterbildung für pädagogische Fachkräfte. Das Training bietet einen sicheren Lernort in der virtuellen Realität. Anwender:innen tauchen in herausfordernde Situationen ein und optimieren spielerisch ihr Konfliktverhalten.

Das digitale Rollenspiel richtet sich an pädagogisch und sozial arbeitende Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag häufig mit Konflikten in Berührung kommen: Lehrkräfte, Sozialarbeiter:innen, Fachkräfte der Jugendarbeit. Auch Jugendliche können davon profitieren. „Unsere VR-Trainings bieten die Möglichkeit, Konfliktkompetenzen spielerisch und in einer risikofreien Umgebung zu trainieren“, sagt Andreas Muckenfuß, Geschäftsführer von CRISP. „Die Trainings sind personalisierbar und passen sich an die Bedürfnisse der Nutzer:innen an." Aktuell testet die Berliner Organisation mit Anwender:innen aus der Praxis das erste Modul „Deeskalieren und Vermitteln“. Bei den Testpersonen kommt das Produkt gut an: „Der Konfliktsimulator hat mir geholfen, die Bedürfnisse der Kinder in Konfliktsituationen besser zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren“, berichtet etwa Tessa Teodoruk, Erzieherin in der Berliner Kita Spreesprotten. „Es war erstaunlich, wie praxisnah und realistisch die Szenarien sind.“

Konflikte in gute Bahnen lenken – in der virtuellen Welt mit Wiederholungen möglich

Kaum sitzt die VR-Brille auf dem Kopf, werden die Nutzer:innen von einem virtuellen Coach begrüßt und tauchen in die Animation ein. Die Situation: Es gibt Streit auf einem Schulhof. Die Anwender:innen lernen nun Schritt für Schritt, den Konflikt zu deeskalieren. Anhand von 15 „Mikromethoden“ erproben sie in der virtuellen Animation verschiedene Techniken und Methoden der deeskalierenden und vermittelnden Gesprächsführung. Während des Trainings erhalten sie von einem motivierenden virtuellen Coach Hilfestellungen, beispielsweise, das Gespräch mit offenen Fragen zu leiten, Emotionen konkret zu benennen oder dem Gegenüber die Situation zu spiegeln. Die virtuellen Charaktere sind KI-Agent:innen, die von Andreas Muckenfuß und seinem Team monatelang trainiert wurden. Die Anwendung der vorgeschlagenen Mikromethoden ändert die Situation unmittelbar. Die Antworten der virtuellen Charaktere werden ruhiger, ihre Aussagen werden besonnener. „Ich konnte verschiedene Strategien ausprobieren und sofort sehen, welche am besten funktionieren. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben“, sagt Testerin Constanze Bachmann, Lehrerin an einer Waldorfschule in Stuttgart. Anhand eines Fortschrittsbalkens können die Nutzer:innen beobachten, wie das Vertrauen während der Interaktion zunimmt. Solche Erfolgserlebnisse spornen sie an, ihre Konfliktkompetenz immer weiter zu verbessern und langfristig Handlungssicherheit in Konflikten aufzubauen.

Das Training dauert etwa fünfzehn Minuten und kann beliebig oft wiederholt werden. Kein Durchlauf ist wie der andere. Die Wiederholungen helfen, die Mikromethoden zu verinnerlichen und auf den Ernstfall besser vorbereitet zu sein. „Das spielerische Lernen in der Virtual Reality ist eine besondere Erfahrung. Ich lerne viel effektiver, als wenn ich in einem klassischen Seminar Methoden übe oder bei Rollenspielen mitmache,“ erläutert Andreas Muckenfuß. „Wir müssen die Dinge ausprobieren. Wir stellen dann schnell fest, dass wir lernen können, auch in Konflikten handlungsfähig zu bleiben und Lösungsideen zu entdecken.“

Auch Schulleiter Dr. Raúl Herrera von der Berliner Joan Miro-Grundschule ist von dem Konzept überzeugt: „In einer Zeit, in der Konflikte in Schulen zunehmend komplexer werden, ist der Konfliktsimulator eine tolle Bereicherung. Er ermöglicht unseren Lehrkräften, sich praxisnah und in einer sicheren Umgebung auf den Schulalltag vorzubereiten.“

Digitales Konflikttraining – bald auch über das Internet verfügbar

Bisher ist eine VR-Brille nötig, um das Training durchzuführen. In der Anschaffung liegt möglicherweise noch eine Hürde für die Nutzung in vielen sozialen und Bildungseinrichtungen. Perspektivisch wird das Training auch über den Internetbrowser durchführbar sein. Dann ist es zweidimensional nutzbar und erlaubt immer noch interaktive Echtzeitdialoge mit virtuellen Agenten. Auf manches muss dann aber verzichtet werden, wie zum Beispiel Störelemente, die spontane Reaktionen erfordern (plötzlich fliegt ein Ball durch die Szene). Dennoch ist auch das Online-Lernen eine leicht zugängliche Möglichkeit, die eigenen Konfliktkompetenzen zu erweitern.

Nach Abschluss der Testphase im Sommer 2026 wollen die Entwickler:innen des Konfliktsimulators eine zweite Einheit zu „Mobbing und Cybermobbing“ umsetzen. Eine Bedarfsanalyse (2025) von CRISP hat ergeben, dass das Thema nicht nur pädagogischen Fachkräften, sondern auch Eltern und Kindern unter den Nägeln brennt.

„Es ist denkbar, dass wir auch Trainings für andere Themen und Zielgruppen entwickeln, beispielsweise für Kommunalpolitiker:innen, Polizist:innen und Gruppen, die häufig Druck und Anfeindungen ausgesetzt sind“, sagt Muckenfuß. „Wir wollen einen Konfliktgenerator entwickeln, der nach Problemschilderung maßgeschneiderte Situationen und alltagstaugliche Methoden anbietet.“ Hierfür gebe es bereits mehrere Konzepte, die, so Muckenfuß, noch ausreichende Finanzierung suchen.

Hier gibt es Infos zum Konfliktsimulator auf einen Blick (Factsheet).

CRISP ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin, der seit 2007 innovative Lernformate im Bereich zivile Konfliktbearbeitung und politische Bildung entwickelt. Der Fokus liegt auf interaktiven, spielerischen Methoden, mit denen Menschen in geschützten Räumen ihr Konfliktverhalten reflektieren und demokratische Prozesse nachvollziehen können. 2024 hat das von CRISP entwickelte KI-gesteuerte Planspiel „The PEACEGAME“ den Innovationspreis bei der „Serious Games Showcase & Challenge“ in Orlando, USA, gewonnen.


Autorin: Martina Rieken; Foto: CRISP e. V.