10 Tipps gegen Hass im Netz

Hass im Netz gehört für viele zum digitalen Alltag. Ein Flyer des Kooperationsverbunds Demokratische Konfliktbearbeitung und LOVE-Storm gibt Tipps, wie man dem wirkungsvoll entgegentreten kann. Ein Gespräch mit Janice Zürn von LOVE-Storm.

Janice, ihr habt zehn Tipps gegen Hass im Netz veröffentlicht. Ist die Stimmung im Netz so schlecht? 

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass die Stimmung grundsätzlich schlecht ist. Es gibt sehr viele gute, kreative oder witzige Inhalte und viele Menschen nutzen Social Media einfach, um sich über Hobbys auszutauschen. Aber gerade bei politischen Themen wird es schnell hitzig und marginalisierte Menschen, die Inhalte posten, sind häufig von Hass betroffen. Das sorgt für Unsicherheit. Allein als Frau frage ich mich: Will ich wirklich auf Social Media sein? Denn wenn ich dort mein Gesicht zeige, rechne ich eigentlich schon damit, früher oder später von Hass betroffen zu sein. Sexismus, Rassismus und Ableismus sind digitaler Alltag. Und das ist für betroffene Menschen sehr schlimm und führt oft dazu, dass sie sich aus Social Media zurückziehen. Deshalb haben wir die 10 Tipps gegen Hass im Netz veröffentlicht. Sie richten sich an alle Menschen, die von Hass betroffen sind oder selbst digitale Zivilcourage leisten möchten.

Helfen solche Tipps denn dabei, den Hass im Netz zu reduzieren?

Das ist eine schwere Frage, denn dazu gibt es natürlich keine wissenschaftlichen Studien. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass digitale Zivilcourage vor allem dabei hilft, Symptome zu bekämpfen. Sie kann Hass in dem Moment stoppen und dabei helfen, dass er sich nicht ausbreitet. Aber es wird immer wieder neuen Hass geben, denn die Ursachen von Hass liegen viel tiefer. Da haben wir zum einen die Plattformen selbst, deren Betreiber profitorientiert denken und die Algorithmen daher so gestalten, dass Menschen möglichst viel interagieren und lang dabeibleiben. Und da sind Emotionen, insbesondere Hass, ein starker Treiber. Die Plattformen selbst profitieren also von Hass und haben aktuell wenig Interesse, digitale Gewalt einzudämmen. Algorithmen sorgen auch dafür, dass sich Meinungen weiter radikalisieren und lassen damit die „Gegenseite" immer bedrohlicher wirken. Und dann gibt es natürlich noch weitere Gründe, warum Menschen online eher bereit sind, Hass zu verbreiten. Wir sehen unser Gegenüber nicht, können keinen Augenkontakt herstellen, das senkt die Hemmschwelle. Und es gibt selten Konsequenzen für Hass. Digitale Zivilcourage bekämpft also nicht die Ursachen, und trotzdem ist sie sehr wichtig. Denn für Betroffene verändert sich viel, wenn Menschen sich auf ihre Seite stellen. Zivilcourage hilft Menschen dabei, weiter ihre Stimme erheben zu können und das wiederum stärkt unsere Demokratie.

Wer kann sich eigentlich wie an euch wenden, wenn es brennt und mit welchen Angeboten helft ihr konkret?

Wir helfen vor allem präventiv, also am liebsten, bevor es brennt. Unsere Trainings und Workshops richten sich vor allem an Community- und Social-Media-Manager*innen, an pädagogische Fachkräfte, Vereine und Aktivisti. Der Klassiker ist unser Basistraining Digitale Zivilcourage. Dort trainieren wir, oft in unserem prämierten LOVE-Storm Online-Trainingsraum, wie wir online zivilcouragiert handeln können. Denn Menschen reagieren auf Angriffe oft instinktiv: Mit Flucht, Angriff oder Erstarrung. Um auf Hassangriffe im Netz gut vorbereitet zu sein, reicht es deshalb nicht, funktionierende Strategien zu kennen. Wir müssen sie so tief verinnerlicht haben, dass wir sie quasi automatisch abrufen können.

Mit unserem Starter-Training Netzfeuerwehr wollen wir Vereine und Initiativen dabei unterstützen, sich ihre eigene Netzfeuerwehr aufzubauen. Auch das ist ein präventiver Schutzmechanismus, der ausgelöst werden kann, wenn es brennt.

Und für Community-Manager*innen bieten wir Beratungen, Inhouse-Schulungen und Vorträge rund um Digitale Konfliktmoderation. Denn Moderierende können durch ihren Moderationsstil ein Stück weit selbst beeinflussen, ob ihre Kommentarspalten voll von Hass sind oder ob die Stimmung dort wertschätzend und konstruktiv ist.

Außerdem haben wir auf unserer Website ganz viele Materialien, die meisten sind kostenlos. Und unser 10 Tipps gegen Hass im Netz-Flyer darf auch verändert und mit dem eigenen Logo versehen werden, solange LOVE-Storm als Urheber genannt wird.

Welche Kosten kommen auf die Ratsuchenden zu?

Wir arbeiten nach dem Credo: kein Training soll am Geld scheitern. Und trotzdem möchten wir unsere Angebote qualitativ hochwertig, zielgruppenangepasst und nachhaltig anbieten – und Fachkräfte für ihre Fachexpertise fair entlohnen. Um Workshops in guter Qualität durchzuführen, rechnen wir mit 120€/Stunde pro Trainer. Es kommt jedoch auch auf die Anzahl der Stunden und der Teilnehmenden sowie den organisatorischen Aufwand an. Für Interessierte, die die Kosten selbst nicht tragen können, finden wir auf jeden Fall gemeinsam eine Lösung.

Habt ihr sonst noch Tipps für mehr Love im Netz?

Mein persönlicher Tipp ist: Lasst euch von Hass nicht einschüchtern. Als ich das erste Mal Hass abbekam, war ich total schockiert und hab es auf mich persönlich bezogen. Aber Hass hat fast nie etwas mit der betroffenen Person zu tun. Betroffene sind meistens nur „Projektionsfläche" und Hass sagt nichts über sie aus - nur über den Angreifenden. Das ist eine Lektion, die ich bei LOVE-Storm lernen durfte und dafür bin ich sehr dankbar. Und wenn ich jetzt Hass von anderen sehe, scrolle ich nicht mehr weiter, sondern unterstütze die betroffene Person, weil ich weiß, was das für einen Unterschied macht. Und sei es „nur" mit einem Like oder einem „Lass dich nicht unterkriegen". Wenn wir uns schon auf Social Media aufhalten, sollten wir für diese kurze Bestärkung Zeit haben.

HIER GEHTS ZUM FLYER: 10 Tipps gegen Hass im Netz (Download)

Janice Zürn ist seit April 2025 für die Öffentlichkeitsarbeit bei LOVE-Storm zuständig. Sie hat einen Bachelor in Nanotechnologie und einen Master in Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation. Neben ihrem Studium war sie im Tier- und Klimaschutz aktiv. Ein Herzensthema für sie ist die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz.

Das Gespräch führte Martina Rieken, Foto: Martina Rieken