Menschen diskutieren in einer Runde. Eine Frau spricht ins Mikrofon.
Menschen diskutieren in einer Runde. Eine Frau spricht ins Mikrofon.

Dampf ablassen, Dialog ermöglichen - Aufgeladene Konflikte auf dem Land

Das Projekt STARK – Konflikttransformation bearbeitet festgefahrene und emotional aufgeladene Konflikte im ländlichen Raum. Das Verdauen starker Emotionen macht Dialog wieder möglich. Ein Gespräch mit Severin Caspari.

Severin Caspari ist Projektleiter bei STARK - Konflikttransformation. Mit ihm sprechen wir über Konfliktbearbeitung im ländlichen Raum und welche Rolle starke Emotionen dabei spielen. 

Ihr liebt emotional aufgeladene und komplizierte Konflikte, mit welchen Methoden macht ihr bei deren Bearbeitung gute Erfahrungen?

Wir arbeiten mit einer Mischung aus moderierten Dialogveranstaltungen, Interviews und kreativen Begegnungsformaten. Unsere Methoden sind geprägt von Arnold Mindells Ansatz „Deep Democracy“ und den Arbeiten des Konflikttrainers Daniel auf der Mauer („Loop of Common Sense“). Wir schaffen Räume, in denen konflikthaftes Verhalten und starke Emotionen nicht als Fehlverhalten sanktioniert werden. Bei uns steht das „Verdauen“ starker Emotionen sogar im Fokus. Erst wenn Dampf abgelassen wird, die Beziehungsebene stabil ist und andere Perspektiven aushaltbar sind, können die Beteiligten auf der Sachebene sprechen und Lösungen entwickeln.

Kannst Du dazu ein praktisches Beispiel nennen? 

Vor Kurzem wurden wir von einer Ortsteilvertretung aus einer Kreisstadt in Brandenburg angefragt, in deren Nähe ein Windpark entstehen soll. Das sorgt in Teilen der Bevölkerung für Widerstand und große Wut. Andere Teile begrüßen das Vorhaben. Es gab bereits eine Informationsveranstaltung, die einigen jedoch als einseitig erschien. Nach so einer Erfahrung ist es noch schwerer, das Vertrauen aller zurück zu gewinnen und die Gemüter zu beruhigen. 

Und dann kamt ihr in Spiel. Wie seid ihr in diesem Fall vorgegangen?

Viele Bürger:innen fühlten sich von der Politik hintergangen und nicht gehört. Wir haben eine Möglichkeit geboten, die starken Emotionen zu verarbeiten. Dafür organisierten wir zunächst eine Veranstaltung mit einer besonderen Sitzordnung. Die Bürger:innen konnten sich zu einem selbst gewählten Zeitpunkt auf Stühle direkt gegenüber den politisch Verantwortlichen setzen und ihr Anliegen und ihre Wut vorbringen. Die Moderation spiegelte ihre Themen und Gefühle wider und sortierte mit ihnen ihre Standpunkte. Das Format unterstützt die Teilnehmenden dabei, ihre eigene Position zu klären und sich damit Gehör zu verschaffen. Wir haben beobachtet, wie Menschen aufatmen, wenn ihr Anliegen verstanden und wiedergegeben wird. Das beruhigt das Nervensystem. 

Die begleitete Aussprache glättet also erst einmal die Wogen. Wie geht es dann weiter?

Wenn die Positionen auf diese Weise geklärt werden, sind meist beide Seiten wieder offen für Argumente. Die Beteiligten werden nachdenklich, wenn sie verstehen, wie komplex der Fall ist und wie viele Perspektiven es gibt. Türen öffnen sich wieder. Auch wenn im Fall des Windparks der Konfliktgegenstand nicht aus der Welt geschaffen werden kann, hilft die Begleitung, um Verständnis zu erreichen und den Umgang miteinander zu verbessern. Das wirkt Spaltung und weiterer Eskalation entgegen. Das Feedback nach solchen Gesprächen belegt unsere Einschätzung. Die Teilnehmenden melden uns zurück, dass die Veranstaltungen die Stimmung beruhigen und die Menschen einander aufmerksamer zuhören. Im Nachgang steigt die Bereitschaft, sich weiter mit dem Konflikt auseinanderzusetzen.

Das heißt, ihr habt nun die Basis für weitere Gespräch geschaffen. Sind die Konflikte damit vom Tisch?

Bestimmte Ängste und Vorbehalte bleiben noch bestehen. Konfliktbearbeitung braucht Zeit. Wir begleiten die Beteiligten daher ja auch über ein Jahr. Wir organisieren in dieser Zeit mehrere unterschiedliche Formate und bilden die wichtigen Akteur:innen der Auseinandersetzung in konstruktiver Konfliktbearbeitung aus. Am Ende fällt es dann leichter, Konflikte professionell anzugehen, ohne dass die Lage eskaliert oder polarisiert. Das heißt für uns jedoch nicht, dass es nur Zeit braucht, und dann lässt sich jeder Konflikt irgendwann lösen. Uns ist wichtig, dass trotz der Uneinigkeit über die Sache Begegnung und Dialog möglich sind. Das Ziel ist also erst einmal, `Einigkeit in der Uneinigkeit´ zu erreichen. Wenn Menschen mit dem Prozess einverstanden sind, ist schon viel gewonnen. Es hilft ihnen damit zu leben, dass Ergebnisse von Aushandlungsprozessen dann vielleicht nicht ganz in ihrem Sinn sind. 

Wie kann man eure Leistung in Anspruch nehmen und was kostet sie? 

Interessierte können sich für ein unverbindliches Erstgespräch bei uns melden. Sie sollten ein Interesse zur Lösung des Konflikts mitbringen und den Wunsch, die allgemeine Dialogfähigkeit vor Ort zu stärken. Die Kosten werden zum größten Teil durch staatliche Förderung gedeckt, dazu kommt ein Eigenanteil, den wir und die regionalen Partner gemeinsam aufbringen. Unser Projekt ist Teil des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ im Programmbereich Innovationsprojekte und im Themenfeld Konflikttransformation. 

Interessierte können sich über dieses Kontaktformular an STARK wenden: https://stark-konflikttransformation.de/bewerben/

Mehr Informationen zu STARK

Foto: STARK - Konflikttransformation  / Das Interview führte: Martina Rieken